Wer Öko fährt, sündigt nicht

[Transport Nr. 18 / Okt. 2016] Der „Actros 1845“ ist der „große“ Actros im bestof9.eu-Langzeittest, weil er mit mehr Hubraum ausgestattet ist. Auf unserer Testrunde zeigt er sich genügsam, bisweilen jedoch eingebremst von einem rigorosen Eco-Fahrprogramm

Auch Schuhwerk kann ein Beleg für Sorgfalt sein: Dass Maik Bastians Arbeitsschuhe Stahlkappen haben, ist schon lobenswert, die Arbeitstreter aber auch noch exakt in der Farbe seines bestof9-Lieblingstrucks anzuschaffen – das hat was. In Reinert-Blau stehen sie da auf der letzten Stufe. Vorbildlich. Und so getraue ich mich kaum, in Maiks Reich einzutreten: also erst mal „Hax’n abkratzen“, wie man in Bayern sagt. 273.000 Kilometer hat der Actros 1845 jetzt auf der Uhr stehen. Und damit liegt er ziemlich im Schnitt der Fahrleistungen aller neun bestof9-Teilnehmer seit Beginn des Tests im Oktober 2014.

Innen wie außen präsentiert sich der 1845 tadellos und bestens gepflegt: Lediglich die durchgewetzten hinteren Kotflügel hat Maik erst vor Kurzem wechseln lassen. Die fast sieben Erdumrundungen sieht man dem Mercedes nicht an. Auch das Armaturenbrett, die Kunststoffe und alle Textilien präsentieren sich makellos und sauber. Das Arsenal an Reinigungsmitteln in der rechten Türablage wird offenbar regelmäßig genutzt. Aber: „Kuck ma’ hier“, meint Bastian und zieht den Fahrersitz nach vorne: Die Rückenschale ist an mehreren Stellen komplett durchgescheuert, ein Beleg dafür, dass die Lehnenschale permanent an der Bettkante scheuert.

Ein altes Problem übrigens: Bekommen wir einen „normalen“ Actros mit StreamSpace zum Test, ist das untere Bett stets an die Rückwand hochgeklappt – und so ist das ja auch vorgesehen. Ohne Bettzeug allerdings, denn mit Federbett, Kissen und Decken ist das Hochklappen gar nicht möglich. Der normal sterbliche Fahrer lässt das Bett also wie es ist und findet sich damit ab, dass der Sitz dann eben manchmal an der Bettkante scheuert. Jetzt ist klar, warum andere Hersteller nach wie vor einen Ausschnitt für die Sitze in der Bettkante vorsehen.

Nur etwas Verschleiß

Abnutzung auch an der Sonnenblende überm Fahrerplatz: Hier ist die Schweißnaht aufgeplatzt, sodass wir jetzt auch mal sehen können, welche Farbe die Füllung hat. Nicht schön so was, schon gar nicht bei einem Mercedes. Das sind aber auch schon alle Mängel an und im Fahrerhaus. Ach so: Das Nacht-Rotlicht empfindet Maik Bastian als zu schwach – das hat man aber in der Zwischenzeit mit einem blauen Nachtlicht schon behoben.

Das StreamSpace-Fahrerhaus mit ebenem Boden bietet 1,97 Meter Stehhöhe. Fahrer Maik ist von eher durchschnittlicher Körpergröße und „kommt mit der Höhe zurecht“. Klar, die oberen Schränke könnten etwas höher sein – so wie bei den BigSpace- oder GigaSpace-Fahrerhäusern. Die Kühlbox mit 36 Litern ist zwar nicht besonders groß, 1,5-Liter Flaschen finden aber stehend darin Platz. Was Maik eher stört, ist die ziemlich hohe Ladekante an den äußeren Staufächern. Schwere Getränke auf 1,68 Meter über Augenhöhe zu wuchten, ist nicht jedermanns Sache. Die Größe der Ladeöffnung, so Maik, sei jedoch in Ordnung.

Auch mit der Dachklimaanlage ist er im Reinen: „Kühlleistung gut, Geräusch eher mäßig“, so sein Urteil. Lief die Dachanlage am Anfang noch ziemlich leise, mache sie nun zunehmend Lüftergeräusche. Aber immerhin: Die Kühlleistung reicht aus, wenn kurz vorm Abstellen tagsüber nochmal während der Fahrt richtig runtergekühlt wird.

Sparsame Pneus

Draußen widmen wir uns kurz den Reifen. Seit Testbeginn vor ziemlich genau zwei Jahren sind Michelin X-Line aufgezogen. Die Profiltiefen: vorne links und rechts 8,0 mm, hinten rechts 6,5 mm, links 7,0 mm. Nach 270.000 Kilometern sind das Profiltiefen, die unsere Erwartungen übertreffen. Während sich die Michelin MultiWay 3D aus der ersten bestof9-Staffel als wahre Langläufer erwiesen, sind die X-Line echte Energiesparreifen, deren Laufleistung, so konstatiert auch Michelin, wohl geringer ausfallen werde. Das lässt sich durch eine kleine Hochrechnung bestätigen: Während die MultiWay nach zweieinhalb Jahren im Schnitt noch ein Restprofil von 5,8 mm aufwiesen (Antriebsachse), liegen die Profiltiefen beim X-Line des Actros 1845 im Schnitt bei 6,75 mm – nach zwei Jahren. Hochgerechnet auf zweieinhalb Jahre ergäbe sich hier eine Profiltiefe von gut 5,0 mm. Stimmt also: etwas weniger Laufleistung – zumindest theoretisch. In einer speziellen Analyse zu den Reifen werden wir der Performance der X-Line-Reifen aber noch genauer auf den Grund gehen.

Als wir vor zwei Jahren den Startschuss für die zweite Staffel bestof9.eu auf der IAA in Hannover gaben, waren nur die beiden Mercedes 1843 und 1845, der Scania R 450 und der Volvo FH 460 mit dem vorausschauenden Tempomat ausgerüstet. Die anderen Marken DAF, Iveco und MAN haben längst nachgezogen, leider erst nach dem Startschuss von bestof9.eu „2.0“, wie wir die zweite Staffel gerne nennen.

Wie auch immer: „Predictive Powertrain Control“ von Mercedes, kurz PPC, hatte schon vor zwei Jahren einen enormen Reifegrad erreicht. Zudem ist der bestof9.eu-Actros 1845 mit „Top Torque“ ausgestattet. Dieser Drehmoment-Booster erhöht das maximale Drehmoment bei Volllast um 200 Nm, was im entsprechend niedrigen Drehzahlbereich um 1.000 Umdrehungen einer Mehrleistung von 20 bis 30 PS entspricht. Klingt nach wenig, ist aber genau die Mehrleistung, die man im Drehzahlkeller oft brauchen kann: zum Kurbeln mit knapp 1.000 Umdrehungen auf der Landstraße oder beim Bergsteigen ohne Rückschaltung.

Und genau mit diesen Eigenschaften kann der bestof9.eu-Actros punkten: Konsequent nimmt er die Landstraßen-Rolletappen im höchsten Gang und brummelt dabei munter mit nur 900 Umdrehungen durch die Lande. Zwar „steht“ er damit sogar kleinere Steigungen ohne Murren und Knurren. Entscheidend ist aber, wie sich der GPS-Tempomat hier einbringt: Durch das Vorhersehen größerer Steigungen schaltet der Actros nämlich auch schon mal zwei Gänge auf einmal runter. Von Zwölf auf Zehn in einem Rutsch – das macht sich gut in der Geschwindigkeitsbilanz. Denn damit ist schon mal eine Zugkraftunterbrechung in der Steigung eingespart.

Auf der Autobahn schaut die Sache etwas anders aus, jedenfalls wenn man vernünftigerweise im Programm „A Economy“ fährt. Dann ist der 1845 ganz auf Spritsparen programmiert. Der Nachteil dabei: Mit unserer stets gleichen Marschgeschwindigkeit von 84 km/h (nach GPS) sind wir im Schnitt deutlich langsamer unterwegs als mit weniger ausgeprägten Sparprogrammen. Auf unserer hügeligen „Nordrunde“ zwischen Ausfahrt Altmühltal und Allersberg (A9) sind wir mit 82,2 km/h deutlich langsamer unterwegs als andere Kandidaten gleicher Motorleistung. Und zwar im Schnitt über 1,0 km/h! Das entspricht praktisch einer Leistungsklasse.

Gnadenlos effizient

Woran das speziell im Falle dieses 1845 liegt, ist leicht zu erklären: Im Programm A Economy hält der Actros dank Top Torque den höchsten Gang, solange es nur geht. Und das heißt zum Beispiel und exemplarisch am Berg hoch zur Raststätte Köschinger Forst: keine Rückschaltung in den Elften am Fuß der Steigung. Und auch kein „Angasen“ – also Schwungholen mit etwas mehr Speed – das ist in A Economy ausgeschaltet.

Der Actros stampft also diesen zweistufigen Berg allen Ernstes im Zwölften Gang hoch. Dabei fällt er an der steilsten Stelle nicht wie bei 450 PS üblich auf 72 bis 74 km/h nach Schaltung in den Elften ab, sondern auf 68 bis 69 km/h. Das hat zur Folge, dass sich die Fuhre im flacheren Mittelstück auch nicht auf 84 km/h erholt, sondern nur auf 78 km/h. Will sagen: An solchen Bergen, die laut Kennfeld noch im Zwölften fahrbar sind, ist man zwar sparsam, auf keinen Fall aber schnell unterwegs.

Am steileren und längeren Kindinger Berg ein ähnliches Bild, obwohl dort ohnehin geschaltet werden muss. Während wir händisch, also ohne GPS-Tempomat und mit Schalteingriff, die 4,5 Kilometer immerhin neun Sekunden schneller packen als unter GPS-Tempomat, kosten die relativ gemütlich ablaufenden Schaltungen doch ziemlich viel Zeit, wie uns die erzielbaren Schnitte zeigen. Der Spritverbrauch ist hier übrigens praktisch gleich – egal ob man mit GPS-Tempomat 3,79 Liter und 3:46 Minuten oder manuell gefahren 3,81 Liter und 3:37 Minuten benötigt.

Nun kann man einwenden, dass diese Zeitverluste ja nur an den Steigungen und bei zu niedrig eingestellten Kuppen-Geschwindigkeiten („Unterschwinger“) auftreten. Punkt eins stimmt, erst recht für unsere Strecke, die mit ausgesprochen hügeliger Topografie gesegnet ist. Punkt zwei gilt hier nicht, da wir mit -4 km/h eine nicht zu langsame, dem Verkehrsfluss angepasste Kuppen-Geschwindigkeit eingestellt hatten.

Betrachten wir den reinen Autobahnverbrauch, so setzt der „große“ Actros mit 27,9 l/100 km eine erste Bestmarke unter den bestof9.eu-Kandidaten. Der Abstand zum bereits auf der Testrunde gefahrenen DAF 460 beträgt immerhin 3,8 Prozent. Im bestof9.eu-Speditionsalltag beträgt der Abstand sogar 5,2 Prozent zugunsten des Actros. Aber Achtung: Hier spielen unterschiedliche Fahrerqualität und unterschiedliche Ausladungen eine gewisse Rolle.

Generationenvergleich

Interessant ist der Vergleich zum aktuellen Actros 1845. Das neueste Modell verfügt über ein abermals verfeinertes PPC, erhöhte Verdichtung (1:18,3 statt 1:17,3) und den neuen, asymmetrischen Turbolader. Der Abstand zum älteren Modell ist überdeutlich: 26,5 l/100 km reiner Autobahnverbrauch sind schon mal ein Wort, 83,6 km/h zu 82,6 km/h dokumentieren den Fortschritt in der Bergsteige-Performance: Hauptsächlich erreicht durch eine neue Schaltstrategie, den asymmetrischen Lader und deutlich mehr Drehmoment (und damit Leistung) bei unteren und mittleren Drehzahlen.

Auffallend hier auch der stark abweichende Verbrauch von AdBlue: Während der bestof9.eu-Actros noch mit knapp drei Prozent AdBlue-Verbrauch auskommt, muss der neue Actros wegen seiner tendenziell heißeren und damit effektiveren Verbrennung bereits fünf Prozent vom Dieselverbrauch an AdBlue-Verbrauch kalkulieren.


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